GESCHICHTE

Die Idee des Circus wurde geboren auf vielen verschiedenen Reisen von Andreas Becker in den Jahren 1991-1997, als es galt, langweilige Studiengänge durch Interessanteres zu ersetzen, und aus zähen Semestern in Volkswirtschaft und Psychologie wurden langsam ausgedehntere, teilweise jahrelange Rucksackreisen durch alle Kontinente. Hunderte von günstigen Unterkünften wurden genutzt, und, wie es für neue Unternehmungen typisch zu sein scheint, war das Gefühl von "Das geht besser", der entscheidende Auslöser.

1997 begann eine Gruppe von 4 Leuten, Ansgar Meemken, Peter Löllmann, Helge Duijkers und Andreas Becker mit der Suche nach einer geeigneten Immobilie, das zur Verfügung stehende Kapital betrug DM 60.000 (ca. Euro 30.000) und die entschiedene Bereitschaft, die Unmöglichkeit des Vorhabens nicht einzusehen.

Aus einer Idee wurde eine echte Chance als der Kontakt hergestellt wurde zu einer der großen kommunalen Wohnungsbaugesellschaften in Berlin, hier die WBM, die - eine Berliner Besonderheit dieser Jahre - unter anderem riesige Immobilienbestände temporär verwalteten, die sich in Rückübertragungsverfahren an die im Regelfall während der Nazi-Diktatur enteigneten jüdischen Alteigentümer befanden, und für eine meist 2-jährige Zwischennutzung vergeben wurden. Wie viele andere kreative, unkonventionelle, manchmal schier verrückte Projekte in Berlin-Mitte in den 90ern verdanken auch wir unsere Existenz einer einzigen Mitarbeiterin der WBM, Frau Weitz, die die Atmosphäre von Berlin-Mitte durch ein konsequentes Ausnutzen Ihrer Freiheiten mehr geprägt hat als jede andere einzelne Person.

Die Eröffnung des ersten Circus Hostel mit ca. 40 Betten Ostern 1997 an der Reinhardstrasse/Ecke Am Zirkus, (Grund für die Namensgebung des Hauses),  nach 4-monatiger Renovierung unter Beteiligung von unentgeltlich arbeitenden Freunden, Familienmitgliedern, Studienkollegen und geduldigen Handwerksfirmen war der Beginn einer Geschichte, die für uns heute ebenso faszinierend, unglaublich und überraschend ist wie sie es damals war.

2 junge dänische Mädchen machten den Auftakt, 3 Tage nach Eröffnung ein ausgebuchter Circus, eine überraschende Nachfrage nach unserem Haus, die bis heute nicht abgerissen ist, und für die wir sehr, sehr dankbar sind.

Der Circus wurde im Rahmen der Möglichkeit erweitert bis auf 58 Betten, und die folgenden 2 Jahre waren geprägt von platzenden Heizungsrohren der unverändert aus dem 19. Jahrhundert betriebenen monströsen Kohleheizung, dem über volle 18 Monate anhaltenden Begleichen von Rechnungen aus der Bauphase, und dem Ausscheiden von Peter Löllmann, der nach Spanien auswanderte und Helge Duijkers, der ein eigenes Haus eröffnete.

1999 wurde das Gebäude des Circus zum Spekulationsobjekt windiger Immobilienhaie, und die öffentliche Anteilnahme an den unsauberen Immobiliendeals in Berlin-Mitte jener Jahre bewog die Neueigentümer, den lästigen Mieter mit hohen Abfindungszahlungen zum Auszug zu bewegen.

Diese Entwicklung erlaubte uns die Anmietung des Hostels in der Rosa-Luxemburg-Straße an der Volksbühne, eine Vergrößerung auf fast 100 Betten, in einem Gebäude, das technisch für uns einen Quantensprung darstellte. Auch hier die gleiche Erfahrung, ein von den Gästen mit Begeisterung aufgenommenes Haus, glückliche Betreiber, ein wachsendes Team, das sich mit dem Circus identifizierte in einem Maße das ungewöhnlich ist und eher ein Zu Hause als einen Betrieb fand.

Vor dem Hintergrund der explosiven Entwicklung Berlins zu einer der beliebtesten Tourismusziele Europas und hier insbesondere des Low-Budget-Tourismus überstieg die Nachfrage nach günstigen, sauberen Betten in einem gastfreundlichen Umfeld ständig unser immer noch beschränktes Angebot, und 2001 betritt Wilhelm Hilpert die Bühne, ein eigenwilliger Würzburger Immobilienbesitzer, der sich vom unkonventionellen Auftreten der Circus-Betreiber nicht abschrecken ließ, und das Potential der Idee erkannte. Er bot uns das am Rosenthaler Platz als Eckhaus gelegene Objekt Weinbergsweg an, bereits im Umbau zu einem Ärztezentrum.

2001 war ein wichtiges Jahr für den Circus, Ansgar Meemken verließ die Firma, um in seinen ursprünglichen Beruf zurückzukehren, die langjährigen Mitarbeiter Christian Göppert und Andreas Digel wurden zu Partnern, zu Weihnachten eröffnete der neue Circus, in dem wir zum ersten Mal unsere Vorstellungen und Ideen eines zeitgemäßen Hostels fast vollständig umsetzen konnten. Ein Cafe wurde eröffnet, eine Bar integriert, der Betrieb wuchs in beiden Häusern auf fast 350 Betten.

Die Umsetzung des Hostels stellte sich als Erfolg heraus, in den Folgejahren wurde der Circus unter anderem zum Mitglied der Famous Hostels of Europe, der Reiseführer Lonely Planet, die Bibel der Rucksacker wählte das neue Haus zu einem der besten Hostels der Welt, der englische Guardian zum besten Europas. Die Resonanz unserer Gäste war und ist überwältigend.

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wurde zum Anlass, den Circus in der Rosa-Luxemburg-Strasse auf 150 Betten auszubauen, und die Gastronomie im Erdgeschoß zu integrieren, die zur Heimat der Circus-Gäste und Crew während der unvergesslichen WM wurde.

2006 wurde wieder zu einem Jahr der Weichenstellungen: ähnlich wie 2001 wurden 2 "alte" Mitarbeiter zu Miteigentümern, Andrew "Jim" Hadfield und Tilman Hierath. Gemeinsam beschlossen wir den Circus Rosa-Luxemburg-Straße zu veräußern und den Erlös in ein Projekt zu investieren, das über die Jahre mehr und mehr zu einer Herzensangelegenheit wurde, dem Bau eines Low-Budget-Hotels, das ausschließlich Privatzimmer anbietet und im typischen Circus-Stil betrieben wird. Bewogen zu diesem Schritt haben uns die hohe Nachfrage nach Privatzimmern im Circus durch vor allem junge, europäische Städtereisende, die die Möglichkeiten der Billigflieger extensiv nutzen, sowie die durch das zweite Haus entstehende Möglichkeit, den Weinbergsweg noch genauer auf die Bedürfnisse unserer Backpacker zuschneiden zu können.

Seit Ende 2006 wird gebaut, gegenüber des Hostels Weinbergsweg wächst "unser Baby", im Oktober 2008 steht die Eröffnung und ein neues Kapitel an. Der Rosenthaler Platz wird zu unserer Heimat, der Circus wird erwachsen. Wir freuen uns sehr.

Erlauben sie mir einige persönliche Bemerkungen: 

Die ersten 11 Jahre des Circus zu rekapitulieren bringt bei jedem Beteiligten unterschiedliche Erinnerungen hervor, und die meisten davon sind großartig. Negatives ist uns weitgehend erspart geblieben.

Bilder, die sich in meiner Erinnerung festgesetzt haben, sind: die Gänge in den Keller des ersten Hauses, um Kohlen zu schaufeln, die "Bar", ein ungeheizter Schuppen ohne Wasser und mit gestohlenen Sofas, das ein Circus-Zelt nachbildende Fischernetz des ersten Circus über der knallgelben Nische mit sich drehender Disko-Kugel, 300 feiernde Fans im Circus Restaurant, ekstatisch jubelnd über das 1:0 Neuvilles im WM-Spiel gegen Polen 2006, in mittelalterlichen Kostümen auftretende Schwertschlucker in der Lobby, eine Eröffnungsparty des Weinbergsweg hart am Rande des totalen Chaos, die vielen Gesichter derjenigen, die einen Teil des Weges mit uns gegangen sind und den Circus mitgeprägt haben, Galym, unser kasachisches Nachtschichtwunder, Chris, jetzt in Atlanta und der erste Barmann, die netteste Rezeptionsschicht der europäischen Hostelgeschichte, Lotte, die an der Rezeption in Andrew den Grund gefunden hat, nach Australien auszuwandern…

Andreas Becker

becker@circus-berlin.de