Kleine Geschichte um den Rosenthaler Platz

Autoren: Jakob Hübner and Manfred Elian

„Der Rosenthaler Platz unterhält sich“ schrieb Ende der 1920er Jahre Alfred Döblin in seinem genreprägenden Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“. In der Tat und nicht nur zu seiner Zeit war dies so. Der Rosenthaler ist sicherlich nicht der berühmteste Platz in Berlin. Und doch spiegeln sich hier verschiedene Zeiten der Stadtentwicklung wider. Hier war das „Milljöh“ zuhause, die einfachen Leute, die nur selten Geschichte schrieben, aber Teil der Berliner Geschichte sind. Ausgeh- und Einkaufsgegend – das ist geblieben, die Lokalitäten und Geschäfte haben sich natürlich verändert.

Wer den Rosenthaler Platz heute betritt, lernt ihn wahrhaftig als großstädtischen Verkehrsknotenpunkt kennen. Im Stadtbild fällt er durch seine asymmetrische Gestalt auf – keine Straßenkreuzung wie jede andere. Vom Platz, der bis 1910 noch Platz vor dem Rosenthaler Thore hieß, gehen fünf Häuserschluchten ab. Das ist kein Zufall oder mangelnder Stadtplanung zuzuschreiben. Doch von vorne.

Durchs Tor geht’s nach Berlin

Berlin hatte – wie jede Residenzstadt – selbstverständlich eine umgebende Stadtmauer, die je nach Stadtwachstum und den Vorstellungen des herrschenden Kurfürsten bzw. später des Königs erweitert wurde. Mit stark zunehmender Bevölkerung zu Beginn des 18. Jahrhunderts wuchs die Bebauung bald über die Mauer hinaus, die Spandauer Vorstadt entstand. Bald wurde die Stadtbefestigung erweitert und schloss nun das neue Viertel mit ein. Bis heute wird die Spandauer Vorstadt als eigenes Viertel betrachtet. Es liegt grob zwischen Hackeschem Markt und der Oranienburger Straße im Süden und der Linienstraße im Norden. Bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert lebten dort hauptsächlich Händler und Handwerker.

Die neue Grenze der Stadt bestand für die ersten Jahrzehnte lediglich aus einem Palisadenzaun, denn eine Rolle in der Verteidigung spielte zu dieser Zeit die Stadtbefestigung nicht mehr. Dafür erfüllten damalige Stadtmauern verschiedene andere Funktionen: Hier wurde die Akzise, d.h. der Zoll, erhoben, gleichzeitig konnte Schmuggel eingedämmt werden und die Stadt aus polizeilichen Gründen einfacher abgeriegelt werden. Die Palisaden, die sogenannte Linie, standen entlang der heutigen Linienstraße. Letztere beschrieb 1845 ein Chronist als „ewig lang […] mager wie eine mathematische Linie, lang wie deutsche Geduld“. Den schlichten, hölzernen Palisadenzaun ersetzte bald eine massive Steinmauer. Mit dem Neubau der Mauer erweiterte man zugleich an verschiedenen Stellen die Stadt. Im Norden wurde die Mauer entlang der heutigen Torstraße angelegt.

So erklärt sich auch der Name der Torstraße, parallel zur Linienstraße verlaufend. An ihrem westlichen Ende befindet sich ein Bahnhof der U-Bahnlinie 6, der gleichfalls wie am Rosenthaler Tor auf das einstige Oranienburger Tor verweist. Im Stadtbild finden sich noch zahlreiche weitere Anhaltspunkte für die Stadtmauer. Im Berliner U-Bahnnetz wird man z.B. fündig, denn einige Bahnhöfe weisen noch heute auf Tore hin, die längst nicht mehr waren, als die erste U-Bahn 1902 fuhr. Entlang der Kreuzberger Strecke sind es die Stationen Schlesisches, Kottbusser und Hallesches Tor. Die Plätze, wosich die ursprünglichen Tore befanden, blieben hier bis heute erhalten, die Toranlagen standen dem wachsenden Verkehr bereits im 19. Jahrhundert im Weg. Nur eines der damaligen Tore hat die Zeiten überstanden und zugleich größte Berühmtheit als Wahrzeichen Berlins erlangt: das Brandenburger Tor.

17 Tore durchbrachen die Stadtmauer und boten Einlass in die Stadt – dazu drei Wassertore. Die meisten dieser Durchlässe waren schlicht gestaltet: Alltagsbauten, die nicht repräsentieren mussten. Auf dem Rosenthaler Platz wurde jedoch eines der wenigen Schmucktore Berlins errichtet. Aufwendig gestaltet, befanden sich zwei Durchgänge zu beiden Seiten eines hohen Mitteltores. An das Tor angeschlossen waren gleichfalls beidseitig zwei Flügel, in denen die Wachen und die Zollstelle untergebracht waren. Im Stile des ausgehenden 18. Jahrhunderts wurde es römischen Triumphbögen nachempfunden, die von Säulen eingefasst waren. Auf dem Tor waren Kriegerstatuen platziert.

Und wie sahen die Berliner und die Vorstädter um 1850 die Stadtmauer? Kastan schrieb „Berlin wie es war“ und gibt darin Auskunft: „An den großen ins Land hinausführenden Straßen war diese dem bitteren Spotte der Bevölkerung preisgegebene Mauer durch Toröffnungen unterbrochen, an denen längst keine Torflügel mehr hingen. Mit dem Falle der Stadtmauer sind auch diese Tore gefallen … Das aber kann man schon ruhig und ohne der geschichtlichen Wahrheit zu nahe zu treten, aussprechen: der damaligen Berliner Jugend gebührt ein nicht unwesentliches Verdienst an der Beseitigung dieser lächerlichen Stadtmauer.“ Ende der 1860er Jahre verschwand die Mauer aus dem Stadtbild. Neben dem Brandenburger Tor kann als letztes Überbleibsel in der Hannoverschen Straße am Robert-Koch-Platz, sowie ein nachgebildetes Stück dieser Mauer in der Stresemannstraße, in der Nähe des Anhalter Bahnhofs (nicht weit vom Potsdamer Platz), noch heute betrachtet werden.

Die damalige Mauer war jedoch kein Übel wie jenes, das Berlin im 20. Jahrhundert ertragen musste. Die Tore konnten „zu jeder Zeit des Tages oder auch des Nachts, ohne etwas dafür zu entrichten“ passiert werden, „allenfalls giebt man in der Nacht ein kleines Trinkgeld an den wachhabenden Soldaten.“ beschreibt Johann Christian Gädicke 1806 die Situation.

Jeder konnte frei passieren. Fast jeder. Den Juden war es zunächst nicht gestattet, freizügig Berlin zu betreten.

Eine „Judenherberge“ am Rosenthaler

Eine Jüdische Gemeinde in Berlin bestand seit 1671 in Berlin, nachdem die Juden rund ein Jahrhundert zuvor von hier vertrieben worden waren. Bereits 1806 berichtet uns Johann Christian Gädicke über die Berliner Juden, die bereits „außerordentlich vermehrt“ und „vorzüglich im Berliner Viertel“ wohnen: „An ihren Kleidern und Sprache erkennt man nur wenige, und der Uebergang zu einer der christlichen Confessionen ist nicht selten.“ Unter den insgesamt 3483 in Berlin lebenden Juden, waren auch „sehr reiche Leute, große Bankiers, Gelehrte, Aerzte und Künstler“. Bis Mitte der 1920er Jahre stieg ebenso wie die gesamte Berliner Bevölkerung auch die Zahl der Mitglieder der hiesigen Jüdischen Gemeinde an, nämlich auf über 170 000. Sie lebten selbstverständlich über die gesamte Stadt verteilt, doch besonders in der Gegend um den Rosenthaler Platz waren viele zuhause.

Unter anderem im benachbarten Scheunenviertel ließen sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Juden aus Osteuropa nieder, die von dort – getrieben von Pogromen und den schlechten Lebensbedingungen in ihrer Heimat – geflohen waren. In diesem Viertel, östlich der Rosenthaler Straße gelegen, fanden sie günstig Unterkunft. Die Scheunen waren zu Zeiten der barocken Stadtbefestigung vor den Toren der Stadt errichtet worden, um die Brandgefahr des leichtentzündlichen Heus und Strohs innerhalb des alten Berlins zu verringern. Wer als unbescholtener Bürger nach Berlin kam und zunächst im Scheunenviertel wohnte, versuchte in der Regel in eine bessere Gegend umzuziehen. Eine gegenteilige Bewegung fand jedoch gleichfalls statt: Mehr oder weniger große Kriminelle, Gauner, Ganoven und Gescheiterte trafen hier aufeinander. Ein großstädtisches Konglomerat, ergänzt von zwielichtigen Etablissements und Prostituierten in den Straßen und Häusern. In unmittelbarer Nachbarschaft wiederum das tiefreligiöse Leben der aus Osteuropa zugezogenen orthodoxen Juden, die besonders seit den 1880er Jahren bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten hierherkamen. So befanden sich koschere Läden neben Kellerlokalen und Privatsynagogen neben Bordellen. Ähnlich wie die Entwicklung in manchen Vierteln Berlins heute, zog dieses bunte Milieu Künstler und Intellektuelle an, die sich hier inspirieren ließen, das Leben der einfachen Leute aufsogen, verarbeiteten und in die Welt trugen. Das gilt z.B. für Gerhart Hauptmann und Alfred Döblin, die u.a. mit ihren Großstadtbeschreibungen weltweite Berühmtheit erlangten.

Gehen wir einige Jahrzehnte zurück und wieder unmittelbar zum Rosenthaler Platz. Ein einfaches Haus war dort errichtet, ein jüdisches Armenhaus, die sogenannte „Juden-Herberge“. Sie befand sich auf dem Grundstück an der Rosenthaler Straße zwischen Linienstraße und dem Rosenthaler Platz. Dort, wo heute das Eckhaus mit dem Circus Hotel steht, war eine Art Garten, der zu dieser Einrichtung gehörte. Auf dem Nachbargrundstück, Ecke Linienstraße, befand sich die eigentliche „Juden-Herberge“: „In diesem Hause werden reisende arme Juden, besonders am Sabbat und an den Feyertagen, aufgenommen, und auf kurze Zeit von der jüdischen Gemeinde verpflegt.“ Gebaut wurde sie erst 1800 – als die Akzisemauer bereits mehrere Jahrzehnte stand.

Wie es dort vor sich ging, lässt sich aus einem Bericht Salomon Maimons erahnen, der nach Berlin reisen wollte: „Auch ich wurde also in dieses Haus gebracht, das teils mit Kranken, teils aber mit liederlichem Gesindel angefüllt war. … Endlich gegen Abend kamen die jüdischen Ältesten. Es wurde ein jeder der Anwesenden vorgerufen und über sein Gesuch befragt. Die Reihe kam auch an mich, und ich sagte ganz offenherzig, ich wünsche in Berlin zu bleiben, um daselbst Medizin zu studieren. Die Ältesten schlugen mein Gesuch geradezu ab, gaben mir einen Zehrpfennig und gingen fort.“

Juden, die nach Berlin kamen, hatten mit vielen Problemen zu kämpfen: Trotz etlicher Tore, die in die Stadt führten, war ihnen lediglich gestattet, durch eines, nämlich das Rosenthaler Tor einzutreten. Während die übrigen Reisenden nur nötigenfalls ihre Waren zu versteuern hatten, so musste jeder Jude den in Preußen üblichen Zoll für Juden, nämlich in Höhe einer Sau, entrichten – den sogenannte „Schweinezoll“. Auch musste ein (jüdischer) Bürge gefunden werden, der sich verpflichtete, Unterkunft und Kost für den Zugezogenen vorerst bereitzustellen.

Die jüdische Gemeinde beschäftigte eigens Angestellte am Rosenthaler Tor. Sie entschieden, wer die Stadt betreten durfte und wer weiterziehen musste. Zudem halfen sie zwischen den anreisenden Juden und den preußischen Beamten zu vermitteln. Und das hatte seine Gründe: Die gesamte Berliner Judenschaft musste für alle Glaubensgenossen innerhalb der Stadtmauer aufkommen. So auch für etwaigen Schaden, den einzelne Juden angerichtet hatten. Vor allem deshalb wurde von der jüdischen Gemeinschaft penibel darauf geachtet, welcher Jude Berlin betrat.

1743 kam ein Junge nach tagelangen Fußmärschen nach Berlin. Nur das allernötigste bei sich tragend, reiste der damals 13jährige allein. Es war Moses Mendelssohn, der später der Philosoph und Vater der jüdischen Aufklärung wurde. Doch er durfte nach Berlin nicht wie jeder andere einfach hinein. Mendelssohn kam aus dem südwestlich von Berlin liegenden Dessau und versuchte selbstverständlich durch das nächstgelegene Tor die Stadt zu betreten. Dort abgewiesen, musste er in großem Bogen um die halbe Stadt, um schließlich am Rosenthaler Tor um Einlass zu bitten. Zunächst scheiterte sein Gesuch. Erst der Verweis auf seinen Dessauer Lehrer, Rabbi Fränkel, ermöglichte ihm das Passieren des Tores. Berühmt ist der Grund, den er für seinen Aufenthalt in Berlin angab: „Lernen.“

Ein Zeitgenosse Mendelssohns, Ephraim Moses Kuh, hält für uns sinngemäß das Gespräch eines anreisenden Juden mit einem Zöllner am Tor fest: „Das fragst du noch! weil du ein Jude bist. Wärst du ein Türk’, ein Heid’, ein Atheist, so würden wir nicht einen Deut begehren. Als einen Juden müssen wir dich scheren.“

Vor dem Rosenthaler Tor – Blickrichtung Norden: Weinbergsweg, Brunnenstraße und Rosenthaler Vorstadt

Trat man in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus dem Rosenthaler Tor hinaus, sah man weite Rebenhänge. Der Name Weinbergsweg zeugt noch heute hiervon. Heute kaum vorstellbar, war Weinbau um Berlin zu jener Zeit durchaus verbreitet. Später, so auch hier, wurden Obstbäume vorgezogen, bis im 19. Jahrhundert nach und nach die Hänge von der Stadt verschluckt wurden. Erst boten Theater, Varietébühnen und Schankwirtschaften Unterhaltung, dann folgte die Bebauung wie sie noch heute vorhanden ist.

Wenige Häuser entfernt vom heutigen Circus Hostel am Weinbergsweg 6/7, quasi auf dem Hinterhof, befand sich z.B. ein solcher „Circus“. Er ist allerdings nicht Namensgeber des heutigen Hostels/Hotels. Ferdinand Harth, Buchdruckereibesitzer versuchte sein Glück von 1852 für vier Jahre, gab allerdings hochverschuldet auf. In den folgenden Jahren versuchten sich etliche Direktoren am Circus-Theater im Weinbergsweg, das mit anderen Theatern und Sommerbühnen konkurrieren musste. Im Weinbergsweg gab es viele Auf- und Abstiege. Ein „Vorstädtisches Theater“ existierte ebenso, wie das „Walhalla-Theater“ oder „Carows Lachbühnen“. Viele fanden – häufig nach kurzer Zeit – auf ganz verschiedene Art ihr Ende. Das Circus-Theater verschwand Anfang April 1883 endgültig durch einen Brand.

Dennoch waren unmittelbar nördlich der Stadtgrenze, der heutigen Torstraße, die Lebensverhältnisse erbärmlich. Nirgendwo in oder unmittelbar um Berlin war die Armut größer als in der Rosenthaler Vorstadt. Hier entstand Mitte des 18. Jahrhunderts eine Siedlung zunächst für sächsische Bauhandwerker aus dem Vogtland, in deren Folge die Garten-, Berg- und Ackerstraße entstanden. Zunächst waren es Saisonunterkünfte für die Sommermonate, doch bald entstand ein ganzjährig bewohntes Viertel vor den Toren Berlins. Es war besonders die Gegend um den heutigen Rosenthaler Platz, die im Berlin um 1800 sich am stärksten entwickelte und die größten Bevölkerungszuwächse zu verzeichnen hatte.

Mit zunehmender Bevölkerung unmittelbar vor den Toren der Stadt kam es zu vielen Problemen. Die Vorstädter lebten in primitivsten Behausungen: Nicht selten lebten zwei Familien in einem einzigen Raum, in dem sich das gesamte Leben abspielte: Kochen, Arbeiten, Schlafen. Diese sogenannten „Familienhäuser“ nannte der Berliner Volksmund „die Mücken“ – die unerträglich vielen beieinander hausenden Menschen beschreibend. Als 1847 die Lebensmittel in Preußen knapp wurden und die Preise stark stiegen, kam es zu einem spontanen Aufruhr der Vorstädter. Die ohnehin am Rand des Existenzminimums Lebenden plünderten zunächst den Markt am Rosenthaler Tor, zogen in die Stadt hinein, um in den dortigen Geschäften den Hunger endlich zu stillen. Es bedurfte mehrerer Tage und der Waffengewalt der preußischen Armee, bis die Teilnehmer der sogenannten „Kartoffelrevolution“ schließlich unter Kontrolle waren.

Doch das waren gewissermaßen erst die Vorboten. Ein Jahr später: 1848 – Jahr der Revolution in vielen Ländern Europas. Auch in den damals vielen und sehr verschieden großen deutschen Staaten wird die Forderung nach Demokratie gestellt, vordergründig steht allerdings die nationale Einheit, die Schaffung eines deutschen Staates. Auch auf dem Rosenthaler Platz werden Barrikaden von den Revolutionären errichtet. Maßgeblich waren die in den schlechtesten Verhältnissen wohnenden Bewohner der Rosenthaler Vorstadt daran beteiligt:

„Sämtliche Torwachen wurden wie durch Zauberschlag durch das Volk erstürmt und durch Steinwürfe hart zugedeckt. Das Volk hatte keine einzige Schusswaffe. Furchtbare Barrikaden erhoben sich auch in diesem Stadtviertel. Wir zählten allein in der Rosenthaler Straße mit deren Fortsetzung, der Brunnenstraße, 17 Barrikaden, von denen sich besonders die am Hackeschen Markt und die zwischen den Häusern Nr. 36 und 71, Ecke Linienstraße, durch planmäßige hand- und schussfeste Konstruktion und Anlage auszeichneten. Das Rosenthaler Tor mit den daranstoßenden Kommunikationen war allein durch 5 Barrikaden befestigt. Hinter denselben wogte das Volk, selbst Frauen und Kinder, in buntem Gemisch durcheinander. An Schusswaffen war hier der große Mangel, selbst an Säbeln fehlte es; man drang daher auf verschiedenen Punkten in die Eisenniederlagen und bewaffnete sich mit Eisenstangen, Äxten, Beilen; in den Schmiede- und Schlosserwerkstätten wurden Lanzen geschmiedet. Der Besitzer einer bekannten Maschinen-Bauanstalt verteilte auf diese Weise in wenigen Minuten 6 Zentner Eisengerätschaften.

Ein gewaltiger Barrikadenbau bedeckte auch die Rosenthaler Vorstadt und das sogenannte Voigtland. Einige der Barrikaden in dieser Gegend hatten eine vollkommen architektonische Construction und waren so fest gebaut, dass sie unzerstörbar und undurchdringlich schienen. Der Kampf drang in seinen größeren Wogen nicht hierher, aber das Volk rüstete sich dazu mit ungeheurer Anstrengung. Gleichzeitig mit dem Vorrücken des achten und zwölften Infanterie-Regiments hatte die Cavallerie einen Angriff auf die Vorstädte des Schönhauser, Rosenthaler, Hamburger, Oranienburger und Neuen Tores gemacht. Aber die braven Vorstädter hatten Zeit genug gehabt, ihre Straßen zu sperren, und wiesen hinter ihren Barrikaden jeden Angriff der Reiter mit entschlossenem Mute zurück.“

Die Märzunruhen endeten. Kein Vierteljahrhundert später bestand bereits ein gemeinsames Deutsches Reich und in Berlin herrschte Aufbruchsstimmung, die Stadt und die vielen Vororte, die heute längst Teil Berlins sind, explodierten förmlich in alle Himmelsrichtungen. Und am Rosenthaler Platz ging diese Zeit nicht vorüber. Julius Rodenbergs „Bilder aus dem Berliner Leben“ berichtete:

„Und welch ein farbenreiches Bild neuesten Berliner Lebens, wenn man auf den Platz vor dem Rosenthaler Tore hinaustritt – desjenigen Lebens, welches überall in dieser großen Stadt pulsiert, nirgends aber, zu gewissen Stunden des Tages, stärker, intensiver als hier. In Frühlingsabendsonne getaucht, liegt dieser weite Platz, in welchen fünf Straßen münden. Rechts und links öffnen sich die Lothringer und die Elsässer Straße, zwischen oder hinter deren hohen, schönen Gebäuden kaum noch ein Überbleibsel der alten Kommunikation, Schuppen, Schornstein oder nackte Brandmauer, sichtbar ist, in der Mitte boulevardartig mit Bäumen bepflanzt, die hier, in der Breite des Bodens und freien Zirkulation der Luft, vortrefflich gedeihen. Und welches Durcheinander von Pferdebahnwagen, Omnibussen und Menschen! Denn dies ist die Stunde, wo die Fabriken schließen und die Arbeiter heimkehren; und wenn man um diese Zeit in die Linienstraße hinein, etwa bis zur Gollnowstraße gehen wollte, so würde man es, bei der Enge dieser Straßen und ihrem schmalen Trottoir, oft schwer genug finden, überhaupt vorwärts zu kommen. Denn die ganze Schar der Arbeiter wälzt sich hier in dichter Masse dem Wandernden entgegen. Sie kommen vom Nordosten der Stadt und ziehen alle gegen Norden. Hier aber spaltet sich der Strom, und ein Arm desselben, in immer noch starkem Volumen, geht zum Schönhauser Tor, der andere zum Rosenthaler. Tausende ziehen an uns vorüber, zumeist Männer, jeder mit seinem Blechkesselchen in der Hand, viele von ihnen bleich, hager leidend; doch auch Frauen darunter, solche, die hier meistens in der Textilindustrie und Konfektionsbranche beschäftigt sind, Blumenmacherinnen, manche frischere, hübsche Erscheinung unter ihnen, Putzmacherinnen, Schneiderinnen, einige von ihnen ganz modisch gekleidet und alle sauber. An den Straßenecken stehen an diesen Frühlingsabenden Kinder, welche ihnen Flieder verkaufen, den Busch für fünf Pfennige; und hinter ihnen her fahren kleine, niedrige Wagen mit einer Frau darin, die einen braunen, breiten Strohhut trägt wie die Marktfrauen, und einem Mann voran, in hohen Tönen beständig etwas rufend, was für den Uneingeweihten erst allmählich verständlich wird: ‚Bücklinge kauft! Bücklinge kauft, kauft, kauft!’ Dieser Wagen bringt den kleinen Leuten die Leckerbissen zu ihrem Abendbrot: Radieschen, Rettiche, Grünzeug, Heringe, Flundern und vor allem Bücklinge, die große Frühlingsdelikatesse dieser Gegenden.“

Nördlich vom Rosenthaler Platz geht die Brunnenstraße ab. Ihr entlanggehend geht es geradewegs zum Gesundbrunnen – Bahnhof und Einkaufscenter. Einst gab es eine Quelle vor den Toren Berlins, zu der man über die Brunnenstraße gelang. Noch heute beginnt sie dort, nämlich am Rosenthaler Platz, wo einst die besserbetuchten aus der Stadt Richtung Gesundbrunnen ins Luisenbad fuhren. 1882, mit dem Bau einer Kanalisation in dem Gebiet, versiegte die Quelle jedoch. Im Sommer 2008 wurde die verloren geglaubte Quelle im Keller eines Hauses in der Badstraße wiederentdeckt.

Viele Arbeiter zogen mit der Industrialisierung in die Gegend der Brunnenstraße und so wurde sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der am dichtesten bebauten Straßen Berlins. Die Brunnenstraße war zudem eine sehr wichtige Einkaufsstraße, weshalb sie auch in Anspielung an die Einkaufsmeile der City-West „Kudamm des Nordens“ genannt wurde: „Hier ist Laden an Laden, und am Abend, wenn die Lichter funkeln, blitzt und schimmert es hinter den Fenstern, vor denen, auf beiden Seiten, eine kauf- und schaulustige, wenig verwöhnte Menge hin- und herwogt.“ Ausgangs- und besondere Anziehungspunkte waren im Norden der Bahnhof Gesundbrunnen und im Süden die gesamte Rosenthaler Straße vom gleichnamigen Platz bis hin zum Hackeschen Markt.

Die 1920er und 1930er Jahre

Noch im 19. Jahrhundert fand auf dem Platz am Rosenthaler Tor regelmäßig Sonntagvormittags der „Arme-Leute-Markt von Berlin“ statt. Verdrängt wurde er mit der steigenden Bevölkerungszahl und dem damit zunehmenden Verkehr.

Vor wie nach dem Ersten Weltkrieg war die Rosenthaler Straße eine der wichtigsten Einkaufsstraßen Berlins. Große Einkaufspaläste namhafter Kaufhausketten hatten hier ihre Filialen. Ecke Sophienstraße befand sich in der Rosenthaler Straße einst eine Wertheim-Filiale, das Haus steht heute noch. Schon im 19. Jahrhundert besaß der Rosenthaler Platz zu allen Tageszeiten eine hohe Anziehungskraft, die bis in die 1920er Jahre immer weiter zunahm. Direkt am Platz befand sich um 1900 ein Herrenmodengeschäft, Möbel- und Bekleidungshaus, aber auch ein Zigarrenhandel. Darüber hinaus ein Schnellrestaurant: Aschinger war mit einer Niederlassung der legendären „Bierquellen“ hier vertreten. Gegenüber dem heutigen Circus Hotel, im Eckhaus Rosenthaler Straße, Hausnummer 72a herrschte reger Betrieb: Zum Teller Erbsensuppe bekam man so viele Brötchen wie man schaffte gratis hinzu. Hungrige Mäuler gab es genug. 1877 lebten gerade erst eine Million Einwohner in Berlin. Mit den hinzugekommenen Vororten wurden es nach 1920 über vier Millionen. Mit der Bevölkerung expandierte auch Aschinger. Über 30 Filialen waren über die gesamte Stadt verteilt und stillten den großstädtischen Hunger, seit 1898 auch am Rosenthaler Platz in der „9. Bierquelle“.

In den Seitengassen zwischen Hackeschem Markt und Rosenthaler Platz war das Leben anders. Kleine Clubs und Bars, Kneipen und Kinos. Im Scheunenviertel, also östlich der Rosenthaler Straße, befand sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts – im biederen Kaiserreich – ein kleiner Szenetreffpunkt von Homosexuellen. Früher standen die Prostituierten in der Mulackstraße, heute in der Oranienburger Straße. Die Zeiten ändern sich – und irgendwie auch nicht.

Neben dem Vergnügen und der Unterhaltung tobte im Berlin der 20er und beginnenden 1930er Jahre vor allem ein politischer Straßenkampf. Es gab regelrechte Straßenschlachten zwischen den Angehörigen der unterschiedlichsten politischen Gruppierungen. Vornehmlich bekriegten sich aber Kommunisten und Anhängern des Nationalsozialismus.

Auf anderem Niveau wurden hingegen große Fortschritte im Berlin der 20er Jahre gemacht – und zwar Untertage. Die Untergrundbahn von Neukölln bis Gesundbrunnen wurde auch unterhalb der Rosenthaler Straße gebaut. Zwei Jahrzehnte zuvor stand kurz hinter dem Rosenthaler Platz, in der Brunnenstraße, eine eigenartige Konstruktion. Es handelte sich dabei um einen kurzen Abschnitt einer Schwebebahn, der zu Testzwecken in der Straße aufgebaut worden war. Eine solche Bahn, die die Alternative zur Unterpflasterbahn sein sollte, beförderte in Berlin jedoch nie Fahrgäste.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 veränderte auch und besonders die Gegend um den Rosenthaler Platz. Viele der „jüdischen“ Geschäfte verschwanden nach und nach aus dem Stadtbild. Zunehmende Ausgrenzung und Gewalt trieben viele in die Emigration. Nach 1938 wurden die meisten noch verbliebenen von Juden geführten Geschäfte zwangsarisiert. Ihren vorersten Höhepunkt erreichten Unterdrückung und Gewalt im November gleichen Jahres: Während des Novemberpogroms wurden Synagogen, Geschäfte und andere jüdische Einrichtungen gestürmt, zertrümmert, geplündert und nicht selten in Brand gesetzt. Viele Juden kamen für kurze Zeit ins Konzentrationslager und wurden unter der Bedingung der unverzüglichen Emigration freigelassen. Wer in Berlin und im deutschen Reich blieb, litt unter unvorstellbaren Widrigkeiten. Beginnend bei einer deutlich geringen Lebensmittelration für Juden während des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) über die öffentliche Bloßstellung durch das Tragen des gelben „Judensterns“ bis hin zu schwerer, menschenunwürdiger Zwangsarbeit.

Ab Oktober 1941 begannen die Deportationen in die Gettos, Konzentrations- und Vernichtungslager. Von den etwa 160.000 Berliner Juden, die zu Beginn der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Berlin lebten, emigrierten bis Ende 1937 etwas mehr als ein Viertel. Anfang 1943 war nach den vielen bereits durchgeführten Deportationen nur noch ein knappes Viertel der einstmaligen jüdischen Berliner in der Stadt. Manche schützte eine sogenannte „Mischehe“, eine Ehe mit einem Arier. Ende 1942 begannen die Planungen, Berlin in einer „Schluß-Aktion“ schließlich „judenfrei“ zu machen. Umgesetzt werden sollte dieses grausame Ziel Ende Februar 1943 in der sogenannten Fabrik-Aktion. In den Morgenstunden des 27. Februar 1943 wurden die Zwangsarbeiter in den Fabriken überrascht und in Sammellager gebracht, von wo aus sie deportiert werden sollten. In Berlin wurden „arisch Versippte“ in die Rosenstraße 2-4 gebracht, die heute zwischen Hackeschem Markt und Fernsehturm liegt. Ihre nichtjüdischen Ehefrauen wehrten sich gegen die Internierung und vor allem die drohende Deportation ihrer Gatten durch mutigen, öffentlichen Protest. Erfolgreich erreichten die Ehefrauen die Freilassung der Männer, die – der Deportation entkommen –wieder zur Zwangsarbeit herangezogen wurden. Der Massenprotest in der Rosenstraße gegen Deportationen war in Deutschland einzigartig.

Vertreibung und Vernichtung der Juden Berlins veränderten in ganz besonderem Maße die Entwicklung dieses Viertels. Hier, in der Spandauer Vorstadt, im Scheuenviertel und den umgegebenden Quartieren lebten und arbeiteten eine Vielzahl von Juden. Das „Gesicht“ der gesamten Stadt, vor allem aber auch dieser Gegend veränderte sich durch den Verlust eines prägenden und bereichernden Teils der Gesellschaft stark. Sie waren vor allem Berliner, Deutsche, nicht selten nationalstolz. Erst mit der nationalsozialistischen pseudowissenschaftlichen Rassenpolitik wurden sie ausgegrenzt und als Minderheit diskriminiert.

45 – Zerstörung und Nachkriegszeit

Ganz Berlin erlitt Zerstörungen durch alliierte Bomber, so auch der Rosenthaler Platz. Wenn auch nicht alles durch amerikanische oder britische Luftangriffe zerstört wurde.

Zeitzeuge Wolfgang Waldhauer berichtet über den Flugzeugabschuss am Rosenthaler Platz.  „Als Flugmelder Richtung Norden blickend, sah ich während eines Tages-Angriffs plötzlich mehrere einmotorige Jäger tief über den Häusern aus ‚Richtung 2’ kommen, brüllte vorschriftsmäßig Alarm, die Kameraden drehten die Geschütze in diese Richtung. Dann hörte man schon die 3,7 cm der Flaktürme Humboldthain und Friedrichshain ballern, und während die erste Maschine nach unten stürzte und dort eine dunkle Rauchwolke entstand, sahen wir vier ‚Mustang’ der USAF steil nach oben ziehen, von einigen krepierenden 3.7 cm-Flakgeschossen verfolgt, aber außerhalb der Reichweite unserer eigenen Geschütze. Die etwas neidische Begeisterung über den Abschuss war groß; als später das Telefon in der Stellung läutete, musste ich den Fähnrich an den Apparat holen, der eine Meldung mit dem Bemerken ‚So ein Mist’ entgegennahm und dann zu mir sagte: ‚Das war eine Focke-Wulf, die da am Rosenthaler Platz runtergefallen ist, keine Mustang. Aber sag’s niemandem weiter!’“ (Zeitzeugenberichte online @ Deutsches Historisches Museum.)

Nach Kriegsende, der Besetzung und bald folgenden Teilung Berlins unter den vier Siegermächten, fiel der Bezirk Mitte und der Rosenthaler Platz in den sowjetisch kontrollierten Teil Berlins. Es ist wenig bekannt über den Zustand des Platzes in den ersten Nachkriegsjahren. Am 17. Juni 1953 wurden hier während des Aufstands gegen die sowjetische Besatzungsmacht Läden besetzt und Demonstranten versammelten sich auf dem Weg zur Friedrichsstraße, um sich dem Volksaufstand anzuschließen. Der Berliner Willi Göttling wurde hier festgenommen und später in Moskau zum Tode verurteilt und hingerichtet. (www.17juni1953.de)

Danach setzte ein langer Schlaf des Platzes ein, der spätestens durch die manifestierte Teilung der Stadt durch den Bau der Mauer begann. Aus dem Stadtbezirk Mitte wurde plötzlich ein Randbezirk Ost-Berlins – mitten im Häusermeer gelegen, ähnlich wie z.B. in Kreuzberg im Westteil der Stadt. Die gesamte Stadtstruktur veränderte sich: Einstmalige Hauptschlagadern der Stadt, auf denen vor dem Krieg das Leben pulsierte, wurden zu abgelegenen Nebenstraßen oder gar Sackgassen an der Zonengrenze. Mit dem Wiederaufbau der Stadt verlagerten sich die Zentren der Stadt.

Die zerfallenden Altbauten galten im sozialistischen Planungsgeist der 50er und 60er Jahre als nicht mehr zeitgemäß. Der Anspruch, allen Bürgern einen modernen, komfortablen Wohnraum zu bieten, in Plattenbauten mit Zentralheizung und teilweise sogar Fahrstühlen, wurde umgesetzt in Neubauten im Osten der Stadt über die Grenzen der bisherigen Bebauung hinaus ins Grüne. Le Corbusiers stadtplanerische Ideale von der ordentlichen, geradlinigen Stadt standen hier Pate, sowohl als Notwendigkeit preiswert(en) Wohnraum zu schaffen, und als ästhetisches Konzept des Zeitgeistes. Ähnlich verlief die Entwicklung im Westen der Stadt: Die Altbauten in der Innenstadt wurden meist nur provisorisch wiederhergerichtet und bleiben teilweise bis heute nur mit einer Ofenheizung ausgestattet. Unter diesen Umständen und mit ihrer kuriosen Randlage in mitten einer Millionenstadt verkamen sie jahrzehntelang. Zudem widersprachen die kleinen, engen Straßen den Vorstellungen einer großzügig angelegten Stadt. Spandauer Vorstadt, das Scheunenviertel und ihre Umgebungen blieben weitgehend unangetastet, verblieben in ihren Grundstrukturen des 19. Jahrhunderts. So wurden sie interessant für jene, die der neugeschaffenen Übersichtlichkeit entfliehen wollten.

In der Unübersichtlichkeit der Gegend um den Rosenthaler Platz spielt der DEFA-Kinderspielfilm „Sheriff Teddy“. Ursprünglich als Kinderbuch von Beno Pludra geschrieben, als Comicreihe veröffentlicht und schließlich als Film von Heiner Carow produziert, wird bei „Sheriff Teddy“ das Leben um den Rosenthaler Platz eingefangen. Es war der erste Film des berühmten Regisseurs, der in Filmen wie „Die Legende von Paul und Paula“ oder „Die neuen Leiden des jungen W.“, das Alltagsleben in der DDR auf Zelluloid erzählerisch festhielt.

Sheriff Teddy beschreibt das Leben des 13jährigen Kalle in den Trümmern und den Altbauten. Er kam aus dem Westen der Stadt und musste nun lernen sich im Osten zu behaupten. Die Ruinen boten ihm und seiner Bande im Nachkriegsberlin einen hervorragenden Rückzugsort vor Eltern und Staatsgewalt.

Nicht nur Kinder wussten diese Gegend zu schätzen: Künstler, Schriftsteller, Intellektuelle und Menschen, die mit der oder mit denen die neuen Staatsführung nicht einverstanden waren, nutzen den billigen Wohnraum und das Leben in Vergessenheit vom Staat, um sich hier zu treffen, auszutauschen und zu arbeiten. Jene, die durch das enge soziale System der DDR fielen oder sich bewusst nicht einfangen lassen wollten. Zu den bekanntesten im Scheunenviertel Wohnenden zählte der Liedermacher Wolf Biermann.

1961 wurde die Berlin bereits über ein Jahrzehnt zerteilende Grenze nahezu unüberwindlich: Im August des Jahres wurde die Berliner Mauer errichtet. Fenster wurden auf der Ostseite zugemauert, die Kanalisation nach und umgebaut, so dass ohne weiteres niemand mehr Ostberlin verlassen konnte. Auch die Berliner U-Bahn auf war von verschiedenen Maßnahmen betroffen. Am Rosenthaler Platz wurde der U-Bahnhof verschlossen, der Platz im Vergleich zu den Vorkriegsjahren oder heutigen Zeit unwichtig. Seiner Funktion als Verkehrsknotenpunkt beraubt, fuhr man nur noch an ihm vorbei, bzw. als Westberliner unten durch. Die heutige U8 aus Neukölln in Westberlin kommend, fuhr durch mehrere „Geisterbahnhöfe“, die Zugänge zugeschüttet und abgesperrt, oft von außen kaum zu erkennen, ohne zu halten, bis sie nördlich, im Wedding in Westberlin ankam. Eine skurrile Fahrt. Es sollte fast 30 Jahre dauern, bis der U-Bahnhof wieder geöffnet wurde: Als Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin.

Der Platz im sozialistischen Tiefschlaf

Die Rosenthaler Straße 1 blieb ein Bekleidungsgeschäft, befand sich nicht mehr Ecke Elsasserstraße, sondern an der neubenannten Wilhelm-Pieck-Straße, heute Torstraße. Das „Kaufhaus am Rosenthaler Platz“ war eine Filiale der „Handelsorganisation Fachhandel Berlin, Textil“. Ehemalige Mitarbeiter berichten „Es war oft nichts zu tun und zu verkaufen am Rosenthaler Platz.“ Mindestens vier Mitarbeiter wurden jederzeit beschäftigt und viele Freundschaften gegründet.

Döblins Trinkhalle gab es nicht mehr, das Gebäude verfiel, jedoch gab es andere Gaststätten rund um den Platz. Es lebten weiterhin Menschen hier, und die Apotheke im Eckgebäude des Circus Hostels existierte weiterhin. Seit 110 Jahren gibt es sie mittlerweile.

Gegenüber siedelte sich das HO Möbelhaus an. Bis 1990 existierte es wohl. Ganz mutig wurde nach dem Fall der Mauer auch noch Werbung in Westberlin gemacht, um neue Kundschaft anzulocken, bevor es endgültig der westlichen Möbelhauskonkurrenz unterlag und Pleite ging. Nach der Wende kam eine schon vorher in der DDR bekannte, wenngleich dort nie tätig gewordene, Dame und bezog das Gebäude mit ihrem Handelsgut: Der Beate-Uhse-Laden musste jedoch 1998 ausziehen, weil das Haus abgerissen wurde.

Schon ein halbes Jahrhundert besteht die Buchhandlung am Rosenthaler Platz. Auch wenn der Besitzer gewechselt hat, immer noch ein guter Ort, um nach Literatur zur Geschichte des Platzes zu suchen. „Der Rosenthaler Platz unterhält sich“ von Ralph Hoppe, ist eine schöne, kleine Sammlung über Menschen und Geschichten rund um den Platz und wurde von der Buchhandlung herausgegeben. Dem Autor selber kann man auf seinen Spaziergängen durch Mitte folgen. Er arbeitet als Führer bei „Stattreisen Berlin“. Ein Angebot, Besuchern Berlin jenseits von dem was in Reiseführern steht, näher zu bringen.

Die Geschichte machte jedoch weiter in der Gegend um den Rosenthaler Platz und orientierte sich weiter zur Friedrichsstraße und Unter den Linden, den Vorzeigestraßen Ostberlins. Oder nördlich des Platzes zur Bernauer Straße, wo die Mauer stand und Menschen sie überwanden oder untergruben. Das Dokumentationszentrum und Denkmal Berliner Mauer in der Bernauer Straße gibt Auskunft darüber.

Mauerfall und 90er Jahre

Das Erwachen begann mit dem Fall der Mauer. Am 9. November wurde die Berliner Mauer geöffnet. Die offiziellen Grenzübergänge an der Friedrichstraße waren dem Ansturm nicht gewachsen, und so wurden die Geisterbahnhöfe der U-Bahn wieder zum Leben erweckt. Nach der Jannowitzbrücke, wurde der Rosenthaler Platz am 18. Dezember zum zweiten Grenzübergang auf der U-Bahnlinie 8. Auf den Bahnsteigen standen Kontrolltische, die Zugänge wurden zu Ein- und Ausreiseschleusen. Mitte Juli 1990 waren alle U-Bahnhöfe schließlich wieder geöffnet und normaler uneingeschränkter Fahrbetrieb im zusammenwachsenden Berlin möglich.

Berlins Mitte wurde wieder zum Mittelpunkt des Interesses. Ungeklärte Besitzverhältnisse der Grundstücke und Häuser nach den Enteignungen im Zweiten Weltkrieg und der DDR-Zeit verhinderten jedoch erstmal einen großflächigen Neuaufbau. Studenten, Künstler, kreativ Schaffende freuten sich über den billigen Wohnraum im Zentrum Berlins. Hausbesetzer nahmen ihn gleich ganz umsonst in Anspruch. Im Rechtsvakuum der Zeit nach der Wende nutzen einige die neue Freiheit und Chance und es entstanden plötzlich viele kleine Kneipen, Clubs und Ateliers, vor allem rund um den Hackeschen Markt und in der Rosenthaler Straße. Es wurde sehr lebhaft, vor allem nachts. Und aus dem Westen kamen viele um das neue spannende und preiswerte Berlin zu sehen. Fast wie Franz Biberkopf konnte man wieder hierherkommen und billiges Bier genießen.

Erst ab Mitte der 90er Jahre konnten erste Grundstücke von größeren Investoren gekauft und genutzt werden. Dort wo einst Aschinger stand, wo Döblin die Protagonisten seines Romans zum billigen Essen hinschickte, versuchte sich Burger King mit einer Filiale. Allerdings hielt sie sich nicht lange.

Während der Hackesche Markt sich schnell entwickelte und zu einem gastronomischen und mit Geschäften geprägten Anziehungspunkt wurde, blieb das nördliche Ende der Rosenthaler Straße für Investoren weiter unattraktiv.

Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

Rund um den Platz entwickelte sich vieles. Die Kastanienallee, die in ihrer Verlängerung als Weinbergsweg auf den Platz stößt, wuchs zu einer Berlinweit beliebten und weit über die Stadt hinaus bekannten Café- und Gastromeile. Die sanierten Altbauten mit ihren Geschäften, die neu entstehenden Bürobauten, expandierten vom Hackeschen Markt, Haus für Haus weiter in Richtung Norden auf den Rosenthaler Platz zu. Das Flair zwischen neu und alt und die Lage direkt in Berlins Mitte waren nach Jahrzehnten der Randlage plötzlich hochattraktiv. Berliner, Touristen und damit mehr und mehr Investoren wurden angelockt.

Auch das Betreiberteam des Circus hatte den richtigen Spürsinn, genau hier im Jahre 2001 ihr Haus zu eröffnen, und somit Besuchern die Gelegenheit zu bieten, mittendrin im sich am spannendsten entwickelten Teil Berlins zu wohnen und Stadtgeschichte miterleben zu können.

Mittlerweile hat der Circus auch den Rosenthaler Platz überquert, nur noch wenige Baulücken unterbrechen das Straßenbild zwischen Hackeschem Markt und Rosenthaler Platz. Bald wird die Rosenthaler Straße ein durchgängiges, geschlossenes und neubebautes Bild bieten.

Das Bier ist teurer geworden rund um den Platz, aber die heruntergekommen Altbauten dafür auch schöner. In den Höfen finden sich Theater, Kinos, Clubs, Geschäfte, Ateliers und Galerien. Die einst hässlichen Altbauten der Torstraße, östlich und westlich des Platzes, erstrahlen frisch hergerichtet und in neuen Farben, und auch die Brunnenstraße entwickelt sich weiter.

Es mag nicht allen gefallen, dass Altes verdrängt und Neues geschaffen wird, aber was Berlin zu einer spannenden Stadt macht, ist, dass sie sich ständig verändert. Sie lebt und sie lässt ihre Geschichte nicht sterben. Es kommen einfach neue Geschichten hinzu. Manches wird heute übertüncht oder vermauert und taucht vielleicht später wieder auf – so wie es uns heute bereits geht, wenn wir mit offenen Augen durch die Stadt gehen. Oft bleiben nur kleine Details, die die Stadt dafür umso spannender machen.

Die Germania Apotheke hält seit 110 Jahren ihre Stellung am Platz, die Buchhandlung seit 50 Jahren. Das Café Oberholz verweist auf ihren geschichtlichen Hintergrund als das alte Aschinger. Und mit dem Fabisch Restaurant wollen die Betreiber des Circus an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erinnern und Geschichte ins Gedächtnis rufen. Gleichzeitig bieten wir ein Zuhause für all die Gäste, die neugierig und auf der Suche nach wechselvoller Großstadt, nach Berlin, hierherkommen. Die Zeiten des Rosenthaler Thores sind vorbei. Das Dritte Reich und die Stadt zerteilende Mauer zum Glück passé. Der Platz ist nun offen und frei für alle. Jeder kann kommen, die Gegend erkunden oder zu sitzen und Geschichte, wenn man mag, bei einem Kaffee einfach vorbeiziehen zu lassen.

Fabischs Konfektion: Die Firma Ph. Fabisch am Rosenthaler Platz

Verfasser: Jakob Hübner (Centrum Judaicum)

Der Rosenthaler Platz. Seine Eigenart und Lebendigkeit, die er bis heute behalten hat. Früher stand er zwischen den Welten. Seine kontrastreiche Lage zwischen proletarischen Siedlungen und riesigen Konsumtempeln diente in hervorragender Weise Döblins Großstadtbeschreibung. Der aus dem Moabiter Gefängnis freigelassene Protagonist Franz Biberkopf kommt zurück in die Stadt, nicht irgendwohin: ins „Milljöh“ am Rosenthaler Platz. Bei Döblins detailreichen Beschreibungen fehlt auch das Gebäude des heutigen Circus Hotel nicht und ist mehrfach Schauplatz. Und was war dort?

„Nach zwei Tagen ist es wärmer, Franz hat seinen Mantel verkauft, trägt dicke Unterwäsche, … steht am Rosenthaler Platz vor Fabischs Konfektion, Fabisch und Co., feine Herrenschneiderei nach Maß, gediegene Verarbeitung und niedrige Preise sind die Merkmale unserer Erzeugnisse.“ Wie viele der Häuser am Rosenthaler Platz und im gesamten Viertel steht das Haus Rosenthaler 1 bereits seit weit über einhundert Jahren. Sie haben den Zweiten Weltkrieg überstanden, auch die folgende bauliche Vernachlässigung zu DDR-Zeiten.

Im Haus befand sich in den ersten Jahren u.a. ein Kolonialwarenhandel. Bald wurde dieser von einem „Herren-Garderobengeschäft“ abgelöst, Firma „Ph. Fabisch“. Deren Eigentümer und Namensgeber Philipp Fabisch führte offenbar die Tradition seiner Familie fort, die bisher vom Kleiderhandel gelebt hatte.

Sein Geschäft eröffnete er 1871 in der Rosenthaler Straße 2, Ecke Linienstraße, zog später an den prominenteren Standort ein Haus weiter, direkt an den Rosenthaler Platz und erwarb das Gebäude 1896. In der nördlichen Rosenthaler Straße konnte bei Fabisch die gesamte Familie neu eingekleidet werden. Denn neben Philipp Fabisch gab es noch weitere Ausstattungshäuser, die in Familienhand waren. Zwei Häuser weiter, Rosenthaler Str. 3, führte Adolf Fabisch seit 1898 „Fabisch & Co“ mit „Herren- und Knaben-Konfektion“. Auch die Hausnummer 2 in der Rosenthaler gehörte einem Fabisch, nämlich Max, auf den gleich noch einmal zurückgekommen wird. Wenige Meter weiter südlich in der Rosenthaler 63/64 betrieb Bernhard Fabisch ein „Spezial-Geschäft für Damenhüte“. Jenseits des Alexanderplatzes hatte sich Gustav Fabisch mit einem „Engros“- und Export-Handel und in der Chausseestraße, nahe der Invalidenstraße, Max und Alfred Fabisch mit einer Damenmäntelfabrik namens „Max Fabisch& Co.“ niedergelassen. Darüber hinaus besaß Mannheim Fabisch seit 1868 ein Geschäft für „Herren- und Knabengarderoben“ und einen daran angeschlossenen Secondhand-Laden, im damaligen Sprachgebrauch eine „Resterhandlung“(!). Mannheim Fabisch war in Schöneberg, vor den Toren Berlins, beheimatet.

Am Rosenthaler Platz, gegenüber der Hausnummer 1, in der Rosenthaler Str. 72, lebte Philipp Fabisch mit seiner Ehefrau Therese. Im letztgenannten Haus konnte man sich ebenfalls einkleiden lassen, bei Max Cohn und dieser war wiederum mit einer geborenen Fabisch, nämlich Margarethe, verheiratet.

Am 16. November 1839 wurde Philipp Fabisch in Wreschen (heute: Września/Polen) geboren, kam unter unbekannten Umständen, wie viele seiner Zeitgenossen, aus der Provinz in die preußische Hauptstadt. Hier hatte er große wirtschaftliche Erfolge, konnte sein Vermögen vermehren, wurde Millionär und besaß darüber hinaus neben dem Haus in der Rosenthaler Straße 1, die gegenüberliegende Nr. 72 und noch mindestens drei weitere Häuser in Berlin. Ähnliche Erfolge konnten auch einige der anderen obengenannten Familienmitglieder vorweisen.

Über das private Leben des Herrenausstatters Philipp Fabisch ist nur sehr wenig bekannt. Er hatte drei Kinder, ein viertes Kind, Siegmund Fabisch, verstarb als Säugling. Als eines der „ältesten Mitglieder“ war er engagiert im „Verein der Posener“, Anlaufpunkt für Heimatverbundene des Posener Landes. In Berlin förderten Philipp wie Adolf und Max Fabisch die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, später Hochschule, an der viele jüdische Persönlichkeiten lernten, lehrten und forschten.

Er starb am 5. Oktober 1917 und wurde neben seiner Ehefrau Therese (geb. Pick, 1838; gest. 1899) auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Das Grab besteht heute noch. Die Gemeinschaft der „Fabisch’schen Erben“ verwaltete für die nächsten gut zwei Jahrzehnte die Häuser Philipp Fabischs. Auch das Herrengarderobengeschäft am Rosenthaler Platz blieb bestehen – offenbar ein (kleiner) Traditionsname: „Ph. Fabisch“. Die Erbengemeinschaft bestand aus den drei Kindern des Unternehmensgründers Philipp Fabisch, nämlich Margarete Cohn, Hulda Pach und Max Fabisch. Ein vierter Gesellschafter war der Ehemann von Margarete, nämlich Max Cohn, der Ende 1933 starb. Familie Cohn und Max Fabisch hatten ihrerseits eigene Unternehmen.

Neben dem Geschäft Fabischs war in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unter anderem eine Filiale der Schuhfirma Salamander. Bis 1908 war in den Kellerräumen „eine der ältesten Berliner Lesehallen, die sogenannte Schreiber-Lesehalle“ untergebracht. „Ihren Beinamen verdankte sie den zahlreichen stellenlosen Schreibern, die sie … zu besuchen pflegten.“

Das südwestliche Eckhaus am Rosenthaler ging 1938 schließlich „in arischen Besitz über“. So meldete es „Aus der Wirtschaft“ die Jüdische Rundschau am 1. November 1938 lapidar – wenige Tage vor dem Novemberpogrom, als Synagogen in Brand gesteckt und jüdische Geschäfte im gesamten Reich geplündert wurden. Schließlich wurde die Philipp Fabisch GmbH am 5. April 1939 liquidiert.

Die nationalsozialistische Repression und stetig zunehmende Verfolgung zerbrach die gesamte Familie Fabisch. Die drei Kinder Philipp Fabischs, die zugleich die letzten Gesellschafter der Firma waren, wurden nach Jahren der Unterdrückung und Schikane in ihrer Heimat 1942 von Berlin nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Die Enkel konnten fast alle rechtzeitig in die USA emigrieren und überlebten. Lediglich ein Enkel, der bereits 1936 nach Frankreich emigriert war, wurde vermutlich von dort nach Auschwitz deportiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Rosenthaler Platz zunächst im sowjetischen Sektor von Berlin, später „Hauptstadt der DDR“. Die Rosenthaler Straße 1 blieb ein Bekleidungsgeschäft, befand sich nicht mehr Ecke Elsasserstraße, sondern an der neubenannten Wilhelm-Pieck-Straße. Das „Kaufhaus am Rosenthaler Platz“ war eine Filiale der „Handelsorganisation Fachhandel Berlin, Textil“. Ehemalige Mitarbeiter berichten „Es war oft nichts zu tun und zu verkaufen am Rosenthaler Platz.“ Mindestens vier Mitarbeiter wurden jederzeit beschäftigt und viele Freundschaften gegründet.

Auch nach der Wende 1989 befand sich hier ein „Mode-Treff“, diesmal mit dem Zusatz „Dick aber Chic“. In der Folgezeit wechselten viele Mieter. Ab Oktober 2008 wird das Circus Hotel seine Türen öffnen. Die Betreiber des Circus Hotels sind sich der Geschichte dieses Hauses und des Rosenthaler Platzes bewusst. Sie leben und arbeiten hier im Wissen um das Schicksal der Familie Fabisch und im Respekt für das von Ihnen Geleistete.

 

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